In Deutschland entscheiden sich 36,4% aller Ehepartner sich scheiden zu lassen. (Quelle Statistisches Bundesamt).
Diese hohe Scheidungsrate macht nachdenklich, zeigt sie doch auf erschreckende Weise, wie schwer es scheinbar geworden ist, glücklich ein Leben lang zusammen zu bleiben.

Wenn Paare glücklich zusammenbleiben, liegt es dann daran, dass sie das Glück hatten, den „richtigen Partner“ zu finden?
Was braucht es, damit eine Partnerschaft so lange hält?

 

Lassen sie uns ein Szenarium (neben so vielen anderen Szenarien) betrachten,
um zu verstehen, was eine Partnerschaft schwierig machen kann.

Klaus und Monika sind schon lange in einander verliebt und ein Paar. Sie treffen sich, so oft es möglich ist und verbringen dann viel Zeit miteinander. Sie sind beide glücklich, den Anderen gefunden zu haben. Aber auch wenn Sie sich oft sehen, so ist die Beziehung in diesem Stadium nur ein Teil ihres Lebens. Jeder hat noch ein eigenes Umfeld mit Freunden, Berufsleben, Familie und Hobbies. Auch wenn die Sehnsucht sich zu treffen sehr groß ist, ist dies nur ab und zu möglich.

Ich möchte ganz bei Dir sein, sagt Monika zu Klaus, und diesem geht es genauso.
Beide entwickeln in diesem Stadium eine ziemlich konkrete Vorstellung von einem noch größeren Glück, wenn noch mehr Nähe entstehen darf.

Auch im Freundeskreis haben schon viele Paare eine gemeinsame Wohnung bezogen und einen „gemeinsamen Haushalt“ gegründet.
Es wird also Zeit hier mitzuhalten. Da Klaus und Monika sich lieben, können sie ihr Glück kaum fassen, als sie endlich eine gemeinsame Wohnung beziehen.

Endlich ganz zusammen!
Die Beziehung ist zum „Glückserfüller“ geworden.
Klaus und Monika finden jetzt in ihrer Zweisamkeit:
Nicht allein zu sein, die Sicherheit geliebt zu werden, Lust, Geborgenheit, Aufgabe, Beständigkeit, etwas Besonderes zu sein, Respekt, Wertschätzung, Sinn, Zukunft, Zielerreichung, Größe, Licht, Frau-/Mannsein, Nähe, getragen zu werden,
und, und, …

Alle diese Sehnsüchte bekommen jetzt eine Form. Die Vorstellung dieses Glücks, dieser Partnerschaft wird von Klaus und Monika konkretisiert und zum Ideal erhoben. Alles ist wunderbar und der Himmel ist rosa!
Durch die rosa Brille der Verliebtheit wird der Partner zur Projektion für das eigene Glück.

Bis sich immer mehr klar wird, dass der Partner ein Mensch mit Eigenheiten ist, die anderes sind, als die der eigenen Vorstellung.

Erich Fromm schreibt in „Die Kunst des Liebens“:
„Liebe ist nicht in erster Linie eine Bindung an eine bestimmte Person.
Sie ist eine Haltung, eine Charakter-Orientierung, welche die Bezogenheit eines Menschen zur Welt als Ganzem und nicht nur zu einem einzigen „Objekt“ der Liebe bestimmt. Wenn jemand nur eine einzige andere Person liebt und ihm alle übrigen Mitmenschen gleichgültig sind, dann handelt es sich bei seiner Liebe nicht um Liebe, sondern um eine symbiotische Bindung oder um einen erweiterten Egoismus. Trotzdem glauben die meisten Menschen, Liebe komme erst durch ein Objekt zustande und nicht aufgrund einer Fähigkeit. Sie bilden sich tatsächlich ein, es sei ein Beweis für die Intensität ihrer Liebe, wenn sie außer der „geliebten“ Person niemanden lieben. Es ist ein Irrtum. Weil man nicht erkennt, dass die Liebe ein Tätig sein, eine Kraft der Seele ist, meint man, man brauche nur das richtige Objekt dafür zu finden und alles andere gehe dann von selbst. Man könnte diese Einstellung mit der eines Menschen vergleichen, der gern malen möchte und der, anstatt diese Kunst zu erlernen, behauptet, er brauche nur auf das richtige Objekt zu warten und wenn er es gefunden habe, werde er wunderbar malen können.

 

Wir arbeiten daran!

Wenn Klaus sich doch noch etwas ändern könnte!
Nur noch ein wenig, denkt Monika, dann ist es (er) perfekt.
Dann könnte ich ihn uneingeschränkt lieben.

Dann bespricht sie alles mit Klaus, und der versteht Monika, und fängt an, sich und sein Verhalten ein wenig zu ändern und sich der Vorstellung von Monika anzupassen. Ihm geht es ja mit Monika genau so, so dass auch Monika erfährt, was Klaus an ihr „besser“ finden würde. Und weil sie Klaus sehr liebt, verändert auch sie etwas an sich und ihrem Verhalten.

Beide arbeiten an ihrer „idealen Partnerschaft“. Die Partnerschaft bekommt einen immer höheren Stellenwert. Die Frage: „Entspreche ich den Vorstellungen des Anderen“, wird immer wichtiger. Die Partnerschaft (Liebe) ist viel zu kostbar, als dass es sich nicht lohnen würde, alles dieser Vorstellung unter zu ordnen.
Es entsteht ein Konstrukt! Das Konstrukt der gemeinsamen Liebe, der perfekten Beziehung, dem vollkommenen Glück.

Ein Großteil der Partnerschaften beginnt mit der Illusion, wir hätten jemanden gefunden, von dem wir endlich all das bekommen, was wir uns schon immer gewünscht haben. Das Dumme dabei ist, der Andere erhofft sich genau das Gleiche.
Schlimmstenfalls wird dieses Konstrukt so stark, dass beide keine Ahnung mehr davon haben, wer sie und wie sie ohne diese Partnerschaft sind, da beide ihrem Ideal versuchen zu entsprechen (von dem sie denken, dass der Andere es so möchte).

 

Bis das ICH dem WIR geopfert wird. Beide fangen an, der Partnerschaft „zu dienen“.
Bis ein „Ausbruch“ unausweichlich ist.

 

Was ist passiert?

Die Partnerschaft (Liebe) muss alles leisten, wird Projektionsfläche für die eigenen Träume und Sehnsüchte.

In vielen Fällen ist dies für die Partnerschaft zu viel. Zuviel an Aufgaben und Erwartungen.
Die Liebe wird schwer.

„Ich bin doch nur die Liebe“, sagt die Liebe. Um Dein Glück darfst Du Dich schon selbst kümmern“.

Bekommen wir in der kindlichen Phase genügend Liebe geschenkt, werden wir frei und unabhängig. Fehlt geschenkte Liebe in dieser Phase, so versuchen wir diese Liebe später zu ernten. Die Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung wird zu einer bestimmenden Kraft. Dafür sind wir bereit, uns so anzupassen, dass wir eben diese Liebe sicher bekommen. Von den Eltern, den Arbeitskollegen, von Freunden und von unserem Partner.

Bin ich so, wie der andere es von mir erwartet?
Habe ich mich richtig verhalten?
Bin ich genügend „lieb“ zu dem Anderen?
Stehe ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit?
Werde ich „gesehen“ und gehöre ich dazu?

Um Liebe zu bekommen wächst die Bereitschaft zu geben: „Ich tue alles nur für Dich, damit ich Deine Liebe bekomme und besitze“. Die Liebe wird zum Selbstzweck. Der Partner zum „Objekt“ der Liebe.
Dahinter steht die Annahme, es gehe bei der Liebe darum, den richtigen Partner für die (eigene) Liebe zu finden, so als könnte diese manifestiert werden.
Tatsächlich ist Liebe aber mehr eine Fähigkeit als ein Besitz.

 

Wie könnte eine Partnerschaft anders verstanden werden?

Gäbe es für Klaus keine Monika, wäre er auf sich allein gestellt. Er dürfte sich auf den Weg machen, für sich zu sorgen. Er hätte nur sich, um sein Selbstbewusstsein, seine innere Geborgenheit und Sicherheit zu entwickeln. Das ICH wäre frei, sich immer wieder aufs Neue zu entdecken. Frei und ungebunden, und sich nur selbst verantwortlich.

Bei Monika wäre es genauso.

Treffen sich zwei solche Individuen, die ihre Individualität bewahren, entsteht als Ausdruck der Partnerschaft eine Schnittmenge.
Eigenes ist (bleibt) sichtbar, genau wie Gemeinsames.

Was leistet die Partnerschaft für unser Glück, und wo dürfen wir uns selbst um uns kümmern?

In der Beziehung kommt zu den zwei ICH die Schnittmenge WIR.
Diese ist Ausdruck der Partnerschaft.

Das WIR drückt sich aus in gemeinsamen Träumen, Sehnsüchten, Interessen, Neigungen und Ideen, Lust und Freude, in so vielen wunderschönen Dingen, die die Gemeinsamkeit zu etwas Wunderschönen machen.
Diese Gemeinsamkeit (Schnittmenge) ist bei jeder Partnerschaft individuell größer oder kleiner. Es ist diese Schnittmenge, die zwei Menschen zusammenhält.

Die große Aufgabe einer Partnerschaft besteht jetzt darin, das Anderssein des Partners zu würdigen und zu schätzen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Partnerschaft nicht alles erfüllen kann, und dass die Aufgabe, sich um Eigenes zu kümmern, bleibt.
Statt Opfer zu sein und den Partner schuldig zu sprechen, für ein Glück, dass dieser nicht zu geben imstande ist, bleibt diese Aufgabe bei einem selbst.

„Um mein Glück, meine Träume und Sehnsüchte kümmere ich mich selbst, dass musst nicht Du für mich erledigen, und in dem, was uns verbindet, darf ich das Glück wahrnehmen, unsere Gemeinsamkeit zu erleben.“

Im Anders sein zu dürfen, liegt das Rezept dafür, dass innige Nähe möglich ist.
Das Wesen der Liebe ist die Freiheit. Den anderen nicht in Haft für das eigene Glück zu nehmen und nicht „besitzen“ zu wollen, ist die grundsätzliche Voraussetzung dazu.

„Ich habe Dich liebt“, ist somit eine Mär, da wir den Anderen eben nicht besitzen können (auch nicht als Traumerfüller). Lieben bedeutet in diesem Sinne, den Anderen so zu lassen, wie er ist.
Wird so die Partnerschaft nicht als „Zweckgebilde“ verstanden, sondern als Ausdruck einer tiefen inneren Liebe, entstehen für beide Partner immer wieder eine große Aufgabe.

 

Diese Aufgabe besteht aus zwei Teilen.

Die erste große Aufgabe einer Partnerschaft besteht darin

  • Dem Partner zu erlauben sein Glück zu leben und zu finden.
  • Nicht darüber bestimmen zu wollen, wie dies aussieht.
  • Die Liebe zum Partner nicht von seinem Verhalten abhängig zu machen.
  • Den Partner nicht verändern zu wollen.
  • Zu akzeptieren, dass der Partner eigene Ansichten, Wünsche und Sehnsüchte hat, die nicht kompatibel zu den eigenen sein müssen.
  • Den Partner in allem zu respektieren, zu würdigen und zu lieben
  • Das Wunder der Partnerschaft als etwas zu erleben, was nie selbstverständlich ist.
  • Liebe nicht mit Besitz zu verwechseln

Die zweite große Aufgabe einer Partnerschaft besteht darin

  • Den Partner nicht schuldig zu sprechen für nicht erfüllte Träume
  • Sie selbst um sich zu kümmern, d.h. sich auf den Weg zu machen, das zu realisieren, was für eine selbst wichtig ist
  • Sich zu trauen, die eigenen Sehnsüchte zu leben (auch wenn dies nichts mit dem Partner zu tun hat).
  • Sich zu trauen, auch anders zu sein, als die Erwartungshaltung der Anderen.
  • Den eigenen Weg bewusst wahr zu nehmen.
  • Die Partnerschaft zu begreifen als etwas, was dem eigenen Sein untergeordnet ist, und nicht umgekehrt.
  • Die Freiheit spüren und wahrnehmen.
  • Die Nähe und das Glück spüren und uneingeschränkt zu nehmen.

 

Viele Wünsche und Sehnsüchte, in der Partnerschaft, können von dieser nicht erfüllt werden, da sie ursprünglich woanders angesiedelt sind. Fehlt z.B. die Hinbewegung zu den Eltern und das darin gelebte Kind sein, so ist die Gefahr sehr groß, dass dies in die Partnerschaft hinein getragen wird. Der Partner ist dann der Mutter-/Vaterersatz mit allen Gefühlen die dazu gehören.
Als Vater/Mutter kann er aber nicht die Partnerrolle einnehmen. Die Sehnsucht nach einem Partner bleibt dann und versucht sich zu erfüllen.

Eine erfüllte Partnerschaft ist deshalb gleichzeitig die größte Aufgabe und das Einfachste, sie bedeutet viel Arbeit, aber auch nichts dafür tun zu müssen.

Es ist so vieles – der Himmel und manchmal die Hölle, wenn Besitzdenken, mangelndes Selbstbewusstsein und Eifersucht unsere Gefühle bestimmen.

Von allen Geschenken, die wir hier auf Erden erhalten, ist eine liebevolle Partnerschaft eines der wertvollsten Schätze.
Sie ist viel zu kostbar, um sie zu missbrauchen.

So bleibt die Partnerschaft eine ständige Herausforderung.

 

 


Paarberatung / Paar-Mediation

In einer Paarberatung werden unter anderem folgende Fragen geklärt:

  • Was ist der Partner für mich?
  • Welche Aufgabe hat er zu erfüllen?
  • Sehe ich in meinem Partner eine Vater-/Mutterersatz?
  • Gibt er/sie mir etwas, was ich schon lange suche (und in meiner Kindheit vermisst habe)?
  • Bin ich verloren ohne ihn?
  • Ist die Partnerschaft für mich existenziell?
  • Was ist meins, was gehört zu meinem Partner?
  • Was spreche ich in der Beziehung nicht an?
  • Welche Bedeutung hat Schuld in der Partnerschaft?
  • Was wird in der Partnerschaft nicht gelebt?

Weitere Informationen zu einer Paarberatung finden Sie unter:
https://haraldkriegbaum.com/paarberatung/